Fussballpokal mini2

 

 

Alles deutet darauf hin, dass Pete der größte Lügner aller Zeiten ist. Deshalb ist er in der Schule unten durch. Nur ein echter Freund kann ihm jetzt noch aus der Patsche helfen.

 

 

Die ganze Geschichte:

Seit gestern bin ich der Star der Schule. In den Pausen dreht es sich nur um mich. Quasi über Nacht schoss mein Beliebtheitsgrad in astronomische Höhen. Schuld daran ist mein phänomenales Fußballdeck. Mit der tollsten Glitzerkarte aller Zeiten! Sie zeigt den Kapitän unserer Mannschaft – in triumphaler Siegerpose. Wie er den Pokal küsst, während Raketen und Goldregen ihn umjubeln.

Die Glitzerkarte ist eine Sensation! Jeder bettelt um meine Erlaubnis, sie sehen und berühren zu dürfen. Ich bin umringt von Kindern, die um meine Gunst buhlen. Sie hängen an meinen Augen und an meinen Lippen. Sie rufen meinen Namen. Wieder und wieder! Wie es mir damit geht? Phantastisch! Die Glitzerkarte ist besser als ein Treffer im Lotto. Ich genieße das Bad in der Menge. Es tut saugut, im Rampenlicht zu stehen. Nie zuvor war ich so glücklich!

Erst heute, am Ende der großen Pause, entdecke ich meinen Freund Pete. Einsam steht er im Abseits. Meine Glitzerkarte katapultiert ihn ins Aus. Durch sie wird er abgedrängt von seinem angestammten Platz - an meiner Seite. „Hast Du mich vergessen?“, fragt sein trauriger Blick.

„Offen gestanden, ja!“, denke ich gereizt. Seit gestern habe ich Pete aus den Augen verloren. Und keine Sekunde lang an ihn gedacht. Ich bin einfach zu eingenommen – von meinem neuen Ruhm.

Im Unterricht von Herrn Jensen packt mich das schlechte Gewissen. Pete sitzt zusammengesunken neben mir. Von Zeit zu Zeit seufzt er leise. Als sich der Lehrer zur Tafel wendet, angele ich nach meinem Ranzen. Ehrfurchtsvoll fördere ich mein Fußballdeck zu tage. Und lege es meinem Freund Pete in die Hand. Dabei lasse ich Herrn Jensen keine Sekunde aus den Augen. Nicht auszudenken, wenn er sich umdreht. Und die Karten bis zum Ende der Woche einkassiert. Weil Fußballkarten strikt verboten sind im Unterricht.

Keine Sekunde zu früh nimmt Pete meinen Schatz an sich. Es ist, als hätte Herr Jensen einen siebten Sinn. Er dreht sich zur Klasse zurück und mustert mich mit seinem Röntgenblick. Dann ruft er mich auf. Ich muss nach vorne an die Tafel. Um die angeschriebene Rechenaufgabe zu lösen.

Als ich mich wieder setzen darf, schenkt mir Pete ein Grinsen. „Alles in Ordnung!“, soll das heißen. Unauffällig gibt er mir das Fußballdeck zurück. Doch was ich sehe, ist keinesfalls in Ordnung. Im Gegenteil, es lässt das Blut in meinen Adern gefrieren: Das Fußballdeck ist vollständig… bis auf die Super-Glitzerkarte! Sie ist wie vom Erdboden verschluckt.

Erschrocken stupse ich Pete an. Aber der zuckt lediglich mit den Achseln.

„Was geht da vor?“, fragt Herr Jensen misstrauisch.

Pete schweigt.

Doch ich bin zu aufgebracht dafür. „Pete hat meine Glitzerkarte geklaut“, platze ich heraus.

„Gar nicht wahr!“, wehrt sich Pete gekränkt. „Ich bin doch kein Dieb.“ Sein Gesicht ist knallrot - wie eine Tomate. Was ihn noch verdächtiger macht.

Herr Jensen reagiert prompt. „Ihr kommt beide vorne und liefert Eure Fußballkarten bei mir ab“, fordert er Pete und mich auf.

Mir ist jetzt alles egal. Ich knalle mein Deck auf den Tisch des Lehrers. Ohne Glitzerkarte ist es sowieso wertlos. Pete folgt mir in einigem Abstand. Zögernd öffnet er sein Federmäppchen. Zu Tage kommt allerlei wertloses Zeug – und… die vermisste Glitzerkarte!

„Das ist meine“, behauptet Pete frech. Und schiebt die Unterlippe vor. Die Klasse springt von den Stühlen auf vor Empörung. JEDER – wirklich jeder einzelne von uns - weiß, dass das gelogen ist. Alle reden wild durcheinander.

„Ruhe!“, ruft Herr Jensen und schließt die Karten in seinem Schrank ein. Dann hält eine kurze Ansprache. Doch die rauscht an mir vorbei. Ich bin wie betäubt, stehe irgendwie neben mir. Und starre auf dem Schrank, in dem meine Super-Glitzerkarte jetzt liegt. Hinter Schloss und Riegel.

„Aus und vorbei!“, denke ich. Und das ist alles Petes Schuld.

Den anderen geht es genauso. In der nächsten Pause ist der Teufel los. Die Nachricht von Petes Schandtat verbreitet sich in der Schule wie ein Lauffeuer.

„Gemeiner Lügner“! Widerlicher Dieb!“, hallt es über den Hof.

Pete hält sich die Ohren zu. Und flüchtet ins Jungenklo. Dort schließt er sich ein.

Wir folgen ihm und rütteln an der Tür. "Du kannst was erleben, wenn du rauskommst“, drohen wir im Chor.

Von draußen hören wir Pete heulen, wie ein Baby.

„Geschieht ihm recht!“, denke ich erbarmungslos. Wie konnte ich nur all die Jahre mit so einem Versager befreundet sein. Der aus Missgunst und Neid meinen Ruhm zerstört. Ich verpasse der Tür einen wütenden Fußtritt. „Komm raus, du Memme!“, brülle ich.

Meine Fans grölen vor Begeisterung und folgen meinem Beispiel. Gemeinsam werfen wir uns gegen die Tür. Und schüchtern unseren Gefangenen weiter ein. Nie zuvor habe ich mich so stark und überlegen gefühlt.

Da kommt Herr Jensen hinzu. „Was fällt Euch ein?“, wettert er. „Für Euch ist die Pause beendet! Marsch, zurück ins Klassenzimmer!“

Aufgewühlt folgen wir dem Lehrer. Was für ein bescheuerter Tag. Und an allem ist nur der elende Betrüger Pete schuld.

Im Klassenzimmer angekommen, verdonnert uns der Lehrer zu einem Entschuldigungsbrief an den Idioten Pete.

Ich zittere vor Empörung. Mir tut nicht das Geringste leid! Aber mit Herrn Jensen ist nicht zu spaßen. Er duldet keinen Widerspruch. Deshalb durchsuche ich meinen Ranzen nach einem leeren Blatt. Genau wie alle anderen.

Was ich finde, kann ich kaum glauben. Da liegt meine Glitzerkarte! Zwischen meinen Hefen und Büchern. Obwohl das gar nicht sein kann. Weil sie doch eingeschlossen ist. Im Schrank von Herrn Jensen.

Das Blut rauscht in meinen Ohren. „Lügner, Betrüger, Dieb!“, hallt es in meinem Kopf wider.

Dabei sprach Pete die Wahrheit. Er ist kein Dieb! Er besitzt die gleiche Glitzerkarte wie ich. Nur zeigte er sie niemandem. Um meinen Ruhm nicht zu schmälern. In dem mich so gerne sonnte. Was habe ich meinem Pete alles an dem Kopf geworfen? Dabei ist er der beste Freund aller Zeiten. Dem mein Wohl wichtiger ist als sein eigenes.

Ich hätte es wissen müssen. Wie konnte ich so blind sein? Ich bin ein Riesentrottel!

In meinem Kopf rattert es. Was werden die anderen sagen - zu meiner Dummheit? Meine Beliebtheit wird in den Keller rauschen. Alle werden mich verachten, mit Fingern auf mich deuten, mich einen Idioten nennen und erbarmungslos demütigen.

Auf Petes Hilfe kann ich am allerwenigsten hoffen. Er wird mir nie im Leben verzeihen. Was soll ich nur tun? Am einfachsten wäre es, nichts zu sagen! Noch weiß niemand von meiner Riesendummheit. Ich könnte die Wahrheit vertuschen! Und Pete für meinen Fehler zahlen lassen. Das fühlt sich verlockend an. Gleichzeitig weiß ich, dass es falsch ist. So denken nur Memmen. Und eine Memme will ich auf keinen Fall sein!

Die wiedergefundene Glitzerkarte brennt wie Feuer in meiner Hand. Wie zum Hohn küsst der Fußballkapitän den Siegerpokal. Und badet im Goldregen.

Mit klapprigen Knien erhebe ich mich von meinem Platz. Meine Beine sind bleischwer.

Im Schneckentempo schleppe ich mich nach vorne. „Wir sollten keine Briefe schreiben“, murmele ich beklommen. „Sondern uns alle persönlich bei Pete entschuldigen“. Mit diesen Worten lege die verdammte Glitzerkarte auf dem Pult von Herrn Jensen ab. So vorsichtig als sei sie aus Dynamit. Und ich hätte die Lunte gezündet. Ansehen kann ich niemanden. Mein Blick ist an den Boden genagelt.

In der Klasse ist es mucksmäuschenstill. Doch das ist nur die Ruhe vor dem Sturm. „Eins, zwei, drei“, zähle ich leise. Dann fliegt der Laden in die Luft. Die Druckwelle haut mich förmlich von den Füßen. Alle rufen wild durcheinander. Selbst Herr Jensen ist machtlos. Die Klasse ist ein Hexenkessel!

Wie von Furien gehetzt, flüchte ich aus der Klasse. Und finde mich auf der Jungentoilette wieder. Mein Herz schlägt bis zum Hals. „Verdammt!“, fluche ich und wische mir etwas Nasses aus den Augen.

Von draußen höre ich eilige Schritte. Leise klopft es an die Tür. „Komm raus, du Dummkopf!“, höre ich die vertraute Stimme meines Freundes Pete. Von dem ich glaubte, er würde nie wieder ein Wort mit mir wechseln.

Vorsichtig öffne ich die Tür und stecke den Kopf heraus. „Mensch du“, murmele ich bekommen.

„Selber Mensch!“, grinst Pete und tippt sich an die Stirn. „Alles in Ordnung!“, heißt das. Zum zweiten Mal an diesem Tag. Und diesmal stimmt das sogar. Was ist schon der Ruhm einer Glitzerkarte – gegen so einen tollen Freund? Wie konnte ich nur annehmen, er könne mir nicht verzeihen?

Seite an Seite kehren wir zurück in die Klasse. Die uns anstarrt, als hielten wir einen Siegerpokal in den Händen. Und so ist es wohl auch!

(1388 Wörter)

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